Die hier erstmals in ihrem systematischen Zusammenhang präsentierte
"Philosophie des Lebens" hat der deutsch-amerikanische Denker nicht allein
als Kernstück seines weitgespannten, von der Religionsphilosophie über
die phänomenologische Ontologie zur Verantwortungsethik reichenden,
Schaffens angesehen, sondern auch als Grundlage seiner Ethik. In diesem Sinne
präsentiert der vorgelegte Band die Verbindungslinien von Jonas' Ontologie
des organismischen Daseins zur normativen Ethik des Lebens, insbesondere
zum moralphilosophischen Diskurs über die modernen Lebenswissenschaften
bzw. die High-Tech-Medizin. Dr. Gronke und Professor Böhler haben für
den Band diesen, für den Einband dann gekürzten, Klappentext
vorgeschlagen:
"In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, als Soldat der Jewish Brigade
Group gegen Nazideutschland kämpfend, skizzierte Jonas Grundgedanken
einer "philosophischen Biologie". 1949 nach Kanada und 1955 nach New York
berufen, entwickelte er - auf dieser Basis - in jahrzehntelanger Arbeit eine
phänomenologische Ontologie des Lebendigen, welche die Philosophie des
Organismus und die Philosophie des Geistes umgreift. Nach verschiedenen
Teilveröffentlichungen erscheint 1966 das englische Buch, dessen deutsche
Neubearbeitung Jonas dann 1973 unter dem sprechenden Titel "Organismus und
Freiheit" veröffentlicht.
Dieser Neuansatz - Jonas hat das Buch als sein bedeutendstes und als Grundlage
seiner Ethik angesehen - bezweckt nichts Geringeres als eine Aufhebung des
dualistischen Rahmens der neuzeitlichen Philosophie. Die ontologische
Existenzweise des Organismus auf dem Entwicklungspfad zur Freiheit
erschließt Jonas in doppelter Frontstellung: gegenüber der Spaltung
des Seins in Leib und Seele, Mensch und Welt, aber auch gegenüber den
monistischen Reduktionen des Seins - insbesondere vom Materialismus bis hin
zur Allgemeinen Systemtheorie. Dabei zeigt er, daß der Organismus auf
differenzierte Weise jene Wirklichkeitssphären vereint, welche in der
abendländischen Metaphysik und ihrer Wirkungsgeschichte einschließlich
Heideggers und der modernen Hirnforschung vorwiegend als getrennt gesehen
werden: Notwendigkeit und Freiheit. In kritischer Anknüpfung an Hegel
und Whitehead legt er dar, daß der Evolution des Materiellen und des
Organischen eine Zweckursache zugrundeliege, nämlich die Entwicklung
zu freiem und verantwortungsfähigem Geist.
In dem hier vorliegenden ersten Band der Kritischen Gesamtausgabe wird das
Werk textkritisch sowie kontextbezogen kommentiert. Zudem präsentiert
dieser Band Jonas' ethische Anwendungen seiner Philosophie des Lebens auf
die molekulare Biologie und die hochtechnologische Medizin. Hier habe sich
der Mensch sogar eine "neue Schöpferrolle" zugeeignet, deren moralische
Verantwortbarkeit es kritisch zu prüfen gelte."
Neben den Texten von Hans Jonas enthält Band I/1 einen Überblick
über das Gesamtwerk mit Blick auf dessen öffentliche
Wirkungsgeschichte, den die Verlage von Professor Böhler erbeten haben.
Da die hier versammelten Texte von Jonas vor allem Einzelveröffentlichungen
sind und z. T. auf recht unterschiedliche Problemsituationen antworten, haben
wir den Herausgeber dieses Bandes, Dr. Gronke, um einen einleitenden Kommentar
gebeten, damit sowohl der interne Zusammenhang der Einzelstudien als auch
ihre Ausstrahlung auf das "Prinzip Verantwortung" belegt werde.
Zur leserfreundlichen Erschließung sowie zur Verwertung in Forschung
und Lehre ist Band I/1, neben einem Personenregister, mit einem detaillierten
Begriffs- und Sachregister ausgestattet.
Wie bei jeder Edition geht es auch bei dieser ohne technische Kompromisse
nicht ab. Um eine gewisse Handlichkeit des ersten Bandes zu wahren, mußten
wir an dessen ursprünglichem Konzept Abstriche vornehmen. So war es
nicht möglich, in Band I/1 auch Hans Jonas' "Lehrbriefe" aus dem Krieg
1944/45 an seine Frau Lore zu präsentieren, in denen er erste Gedanken
seiner philosophischen Biologie entworfen hatte. Sowohl diese frühesten
Dokumente als auch seine daran anschließenden ersten Studien "Organism
and Freedom" werden zusammen mit der verwandten Vorlesung "Life and Organism"
erscheinen: in Band II/3. Auf diese Weise konnten wir das vordringliche Ziel
beibehalten, nämlich die Hauptlinien des ausgereiften, systematischen
Ansatzes in ein und demselben Band vorzustellen.
1933 aus seiner Heimat und der deutschen Universität vertrieben, suchte
der junge Gelehrte Jonas Forschungsmöglichkeiten und Bleibe zunächst
in England, auf Rhodos, in Palästina bzw. Israel, dann in Kanada, und
wurde 1955 an die ursprünglich deutsche Emigrantenuniversität,
New School for Social Research (New York), berufen. Im Sinne einer
europäischen Heimholung gilt es, das in drei Erdteilen entstandene,
verstreute Werk des Zukunftsdenkers zusammenzubringen und den künftigen
Generationen zu erschließen.
Eine so anspruchsvolle wie zeitaufwendige und kostspielige Aufgabe!
Zeitaufwendiger als wir voraussehen konnten - und in den Vorbereitungsjahren
immer wieder Planungsrevisionen und neue Mitteleinwerbungen erfordernd; zum
Beispiel, weil die weitgespannten Recherchen unbekannte Manuskripte ans Licht
brachten
Auf der inzwischen erarbeiteten Basis konnte der Ihnen jetzt
vorgelegte, realistische Editionsplan festgelegt werden.
Die kritische Werkausgabe des deutsch-amerikanischen jüdischen Philosophen
setzt eine breite mäzenatische Unterstützung voraus. Allein so
können die jungen Wissenschaftler finanziert werden: Diese müssen
die Recherchen zu Ende führen, die Manuskripte und Texte digitalisieren,
vergleichen und zuordnen etc., textkritisch kommentieren und Hintergründe
analysieren, dann biobibliographische Angaben zu den erwähnten Personen
vorbereiten und schließlich die Register erarbeiten.
Den Sponsoren sagen Verlag und Herausgeber ebenso Dank wie den Kuratoren
der Edition und dem internationalen wissenschaftlichen Beirat. Diesen wie
jeden folgenden Band beschließt eine Ehrentafel derer, die das Werk
mit kleineren oder großen Fördergaben ermöglicht haben bzw.
ermöglicht haben werden.
Der wissenschaftliche Beirat:
Günter Altner (Berlin)
Jack Bemporad (Los Angeles)
Holger Burckhart (Köln)
Micha Brumlik (Frankfurt a. M.)
Strachan Donnelley (New York)
Jean Greisch (Paris)
Vittorio Hösle (Notre Dame, Indiana)
Jin-Woo Lee (Keimyung, S.-Korea)
Dimitri Nikulin (New York)
Yuon Tse Lin (Taiwan)
Udo Simonis (Berlin)
Hava Tirosh-Samuelson (Arizona)
Robert Theis (Luxembourg)
Richard Wolin (New York)
Anatoliy Yermolenko (Kiew)
Tetsuhiko Shinagawa (Osaka) |