Zu Werk und Person von Hans Jonas
Beilage zum Aufruf des Kuratoriums
Das vielfältige Erbe des Philosophen Hans Jonas als
Zukunftsauftrag
In seinem Beitrag zur Mönchengladbacher Jonas-Biographie[*]
hebt Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt hervor, daß Hans Jonas'
Prinzip Verantwortung von uns allen eine Pflicht zur engagierten Mitverantwortung
nicht nur für die gegenwärtigen sondern auch für die
zukünftigen Generationen fordert:
"Hans Jonas hat in seinem Buch Das Prinzip Verantwortung' einen Imperativ
in den Mittelpunkt gestellt, der [...] für jeden Menschen und sein Handeln
von grundlegender Bedeutung sein sollte. Nur wer sich bei seinen Entscheidungen
der Verantwortung gegen sich selbst, gegenüber seinen Mitmenschen und
seinem gesamten Umfeld bewußt ist und wer versucht, verantwortlich
zu handeln, nur der kann für sein Tun geradestehen - wie auch immer
und in welchem Bereich auch immer es sich konkret gestaltet.
Jonas selbst hat betont, daß er mit seinem Prinzip Verantwortung
anknüpft an den Kategorischen Imperativ Kants, der sich als goldene
Regel' in den meisten Religionen der Welt findet. Jonas versucht, Kant aus
der Gegenwartsperspektive in die Zukunft zu verlängern. Die Menschen
sollen so handeln, daß sie vor der Zukunft und damit auch vor dem
zukünftigen Lebensraum der Menschen bestehen können."
In ihrer Laudatio anläßlich der Verleihung des
Ersten Marion-Dönhoff-Preises[**] stellt Staatsministerin
a.D. Dr. Hildegard Hamm-Brücher heraus, daß das Prinzip Verantwortung
für das Denken und Handeln in der hochtechnologischen Zivilisation
wegweisend sei:
"Das Prinzip Verantwortung (...) wurde in den 70er Jahren von dem
jüdisch-deutsch-amerikanischen Philosophen Hans Jonas vorgedacht und
von ihm sinngemäß wie folgt resümiert. Zum einen erfordere
es das weltweite Lautwerden sachlicher Einsicht und Vernunft in die Gefahren
technologischer Entwicklungen ... und den nachhaltigen Widerhall auf das
öffentliche Bewußtsein, sowie die Konsequenzen im privaten und
öffentlichen Verhalten. Zum anderen müsse das Prinzip Verantwortung
von den Gefährdungen selbst her auf Abhilfe drängen: Der Schock
wirklicher und wiederholter Katastrophen kleineren Ausmaßes (er bezeichnet
sie als Schreckschüsse der gepeinigten Natur) muß uns den
gehörigen Schrecken vor der großen Katastrophe einjagen, sie
müssen uns bewußt machen, daß es diese technischen
Ausschweifungen sind, die uns für alle Zukunft als Schatten bedrohen.
... Sich dieses Schattens bewußt werden und ihn nicht zu verdrängen,
vielmehr die Stimme der Verantwortung nie und nimmer verstummen zu lassen,
das ist es, was Jonas das Prinzip Verantwortung nennt, das, wenn es konsequent
wahrgenommen wird, zum paradoxen Lichtblick der Hoffnung werden kann. Auf
diese Karte möchte ich setzen! Mit diesen Worten schließt er seine
Dankesrede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen
Buchhandels. (1987)
Auf diese Karte setzen und die Stimme der Verantwortung nicht verstummen
lassen wollen, können wir das auch? Ich denke Ja, wenn wir das Prinzip
Verantwortung als eine Art Wegweisung für eigenes Denken und Handeln
verstehen und beherzigen."
In dem vom Hans Jonas-Zentrum veröffentlichten Aufsatz
"'Also ist die Zukunft noch nicht entschieden' - das vielfältige Erbe
des Philosophen Hans Jonas als Auftrag"[***] betont Dr.
Karl Kardinal Lehmann, daß Hans Jonas dem modernen Menschen, dem
Nutznießer der globalisierten technologischen Zivilisation, eindringliche
Fragen stelle:
"Wie in einem Testament formuliert Hans Jonas: Im Neudenken der Idee
der Verantwortung und ihrer nie zuvor gedachten Ausdehnung auf das Verhalten
der ganzen Gattung zur ganzen Natur tut die Philosophie einen ersten Schritt
im Dienste einer solchen Verantwortung.' Furcht und Zittern', bewußt
greift er dieses biblische Motiv auf, müssen in das Erlebnis des Wissens
eingehen. Das Denken muß Anstoß zum Handeln werden.
Aber sie (die Furcht) muß dabei auf der Hut vor sich selbst sein.
Die Angst um den Menschen darf nicht zur Feindschaft gegen jene Quelle seiner
Gefährdung, gegen Wissenschaft und Technik, verleiten. Sie muß
zur Vorsicht im Gebrauch unserer Macht raten, nicht zur Absage an sie. Denn
nur im Bunde mit Wissenschaft und Technik, die zur Menschheitssache
gehören, kann die sittliche Vernunft dieser Sache dienen [...]. Doch
zu jener Wachsamkeit anzuhalten ist des Denkens Pflicht.'
Es handelt sich um das große Abenteuer des Seins, das auf dem Spiel
steht. Ein solcher Glaube muß zu vielem, was wir tun, auch Nein
sagen können. Aber er selbst ist ein umfassendes Ja. Dieses Ja ist es,
das sich im Prinzip Verantwortung' in die Sorge um die Zukunft
übersetzt.'
Das Prinzip Verantwortung', 1979 mit dem Untertitel Versuch einer
Ethik für die technologische Zivilisation' erschienen, in viele Sprachen
übersetzt, auch in Deutschland sehr oft nachgedruckt, hat Hans Jonas
seinen Kindern gewidmet, damit der Zukunft unserer Welt. Es ist das erste
Buch, das er nach der Zeit des Nationalsozialismus wieder ursprünglich
und ganz in deutscher Sprache geschrieben hat. Es hat seinen späteren
Ruhm begründet. Dabei war er schon 75 Jahre alt, als er es abschloß.
Er hat zugleich die damit verbundenen Grundideen immer wieder an konkreten
Exempeln, besonders an der Bioethik und der Gentechnologie, am Gehirntod
und an vielen anderen Problemen erprobt. [...]
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Richard von Weizsäcker im Gespräch mit Hans Jonas während
seines letzten Deutschlandbesuchs:
am 11. Juni 1992 in Berlin, wo ihm an der FU Berlin der Titel eines Doktors
der Philosophie ehrenhalber verliehen wurde.
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Das weltweit rezipierte Werk Das Prinzip Verantwortung' führte
zu vielen Ehrungen des Philosophen, u.a. zur Ehrendoktorwürde der
Universität Konstanz und der Freien Universität Berlin, aber auch
zur Ehrenbürgerwürde der Stadt Mönchengladbach und zum Empfang
des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband der
Bundesrepublik Deutschland (1987) durch Bundespräsident Dr. Richard
von Weizsäcker. Im Kondolenzbrief an Frau Eleonore Jonas zum Tod des
Philosophen schrieb der Bundespräsident, der Hans Jonas sehr hoch
schätzte:
Mit seiner Philosophie hat Ihr Mann in entscheidendem Maß dazu
beigetragen, die Schwelle von einer Beschreibung des Daseins zu einer Ethik
des Verhaltens zu überschreiten. Er hat die Grundfragen unserer Zeit
in erlösender Klarheit geschildert. Gegenüber der gesamten Natur
hinterläßt er uns die Verantwortung der Gattung Mensch.
Daß sie sich Grenzen setzt', so mahnt er uns, ist die erste
Pflicht aller Freiheit.'"
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